Mittwoch, 30. November 2016

[Rezension] Retrum

Autor: Francesc Miralles | Verlag: Loewe Verlag | erschienen am 09. Januar 2012
346 Seiten | Preis: 14,95 € (broschierte Ausgabe) | ISBN: 978-3-7855-7038-8
(Diese Angaben beziehen sich auf meine Ausgabe. Es gibt auch noch eine Version vom Gulliver Verlag, erschienen 2013. 8,95 €.)


Handlung
Christian  ist ein introvertierter Einzelgänger, bis er durch Zufall die Bekanntschaft einer Gruppe Goths macht, die sich "Retrum" nennen. Insbesondere von der düsteren Alexia ist er fasziniert. Auf Friedhöfen versuchen sie nachts Kontakt mit Verstorbenen aufzunehmen. Tagsüber muss Christian die Annäherungsversuche seiner Schulkameradin Alba abwehren und mit der bedrückenden Situation zu Hause zurechtkommen, die nach dem Tod seines Bruders kaum zu ertragen ist.


Cover
Noch interessanter als das Cover sind in diesem Fall die Seitenränder, die sind nämlich pechschwarz und auf jeden Fall ein Hingucker. Das Cover hat mich damals sehr angesprochen, weil ich damals selbst begeisterter Goth war. So besonders herausragend finde ich es allerdings nicht, aber passend.


Die Dunkelheit ist die Wiege unserer Emotionen
Beginnen wir mit den Charakteren. 
Am liebsten mochte ich Alexia, düster und geheimnisvoll, obgleich ihre Art sich zu kleiden nicht mehr dem heutigen Zeitgeist entsprechen dürfte, sondern eher dem eines 80er/90er-Jahre-Goths entspricht. Bei diesem Charakter hat sich der Autor auch eindeutig die meiste Mühe gegeben.
Christian ist ein etwas lethargischer Einzelgänger und oft eher ein stiller Beobachter. Er war mir nicht direkt unsympathisch, ich kann mich auch durchaus in ihn hineinversetzen, aber insgesamt hat er bei mir einen neutralen Eindruck hinterlassen. 
Über die übrigen Mitglieder der Retrum-Gruppe erfährt man kaum etwas.
Alba fand ich etwas zu eintönig ausgestaltet, sie wird mir zu sehr auf die Rolle der aufdringlichen Verführerin reduziert. Auch bei ihrem Namen bin ich zwiegespalten. "Alba" bedeutet ja "weiß" und bildet damit offensichtlich den Gegensatz zur Gothicszene, insbesondere zu Alexia. Einerseits mag ich solche Spielereien, aber hier ist mir ihre ganze Rolle einfach zu offensichtlich, zu nackt, zu plump, hier kriegt man es einfach mit der Holzkeule. Und das mag ich nicht.

Die Handlung steigt schnell ins Geschehen ein, plätschert dann aber erstmal dahin. Man erlebt Christians stetige Veränderungen hin zum Goth und begleitet ihn viel in seinem Alltag. Das führt dazu, dass die Bezeichnung "Thriller" hier nicht wirklich angemessen ist. Später wird das Buch dann zwar noch sehr spannend, allerdings erst im letzten Drittel bis Viertel. Auf Youtube sagte jemand ganz treffend dazu: "Die Spannung kommt auch - aber viel zu spät". Ab diesem Punkt läuft die Handlung dann auch plötzlich irre schnell und ist im Verhältnis zu dem ganzen Vorgeplänkel viel zu schnell vorbei. Außerdem habe ich insbesondere die Auflösung diverser Mysterien als unlogisch und zu gestellt empfunden.

Viele Stimmen aus der Gothic-Szene beschweren sich zudem, das Buch sei klischeehaft. Das stimmt so halb. Ich verstehe nicht ganz, warum sich darüber beschwert wird, dann es ist Fakt - jedenfalls ist das meine persönliche Erfahrung - dass man diese Klischees auch in der Realität erstmal erfüllen muss, um in der Szene akzeptiert zu werden. Ich bin mit meinem nicht ganz so szenetypischen und oft eher punkigen oder gemischten Kleidungsstil damals oft als jemand gesehen worden, der den gängigen Klischeestil (der verlangt wird) eben einfach nicht beherrscht.
Der Autor ist außerdem selbst schon sein Leben lang aktiv in der Szene und wird sich daher wohl auch damit auskennen.


Fazit 
In Spanien hat dieses Buch seinerzeit einen großen Hype erlebt. Das kann ich auch irgendwo nachvollziehen, aus meiner Sicht ist das Buch aber inhaltlich nicht gut ausbalanciert. Vorne zu langsam, hinten zu schnell und mittendrin unspektakulär.
Schön finde ich die Einarbeitung diverser Songtexte und Zitate, das ist hier das gewisse Extra, nachdem ich bei jedem Buch suche. Das ist auch wirklich schön gelungen und entschädigt für andere, nicht so gut gelungene Aspekte.

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